WWW – Wie Abgeordnete mit Fundwörtern was finden

Politiker, in diesem Fall Bundestagsabgeordnete sollen die Bevölkerung repräsentieren. Dazu sind sie gewählt und es ist toll, wenn sie aus unsereiner Mitte kommen. Trotzdem erwartet man von unseren Abgeordneten eigentlich ein gewisses Maß an Medienkompetenz und von wegen “lebenslanges Lernen” auch von den Älteren. Gerade hat mich ziemlich schockiert, was ich via basicthinking und dittes bei netzpolitik gefunden habe: Kinderreporter befragen im ARD-Morgenmagazin Politiker im Bundestag über deren Internetgewohnheiten. Naja. Jedenfalls hatten sie das vor. Heraus kam, dass ein paar von denen noch nicht mal “drin sind”. Extremes Negativbeispiel. Hans-Christian Ströbele, der Aushänge-68er und erklärter Anti-G8ler der Grünen.

Ströbele: “Ins Internet bin ich glaub ich einmal oder zweimal bisher gegangen” Reporter: “Haben Sie sich denn eine eigene Startseite ausgesucht?” – Ströbele: “Nö. Ich weiß gar nicht was das ist.” – “Ich weiß nur, dass es Leute gibt, die da so ein Programm entwickelt haben, wo man mit einzelnen Fundwörtern dann was finden kann, aber ich mach das nie.”

Meine Hochachtung vor dem Mut so viel unversteckter Unkenntnis. Da hätte ich auch Angst vor der Globalisierung. Wie die neuesten Studien gezeigt haben, sind mittlerweile über 60% der Bevölkerung im Netz und nutzen die offenen Informationsquellen für sich. Dann haben wir wohl einen Repräsentanten erwischt, der die übrigen paar Prozent vertritt. Drücken wir ihm die Daumen. Eine aussterbende Spezies. Wie solche Abgeordneten allerdings selbst auch mal authentisch Informationen hinterfragen sollen, die ihnen ja ansonsten aus zweiter Hand zuhauf vor die Nase gelegt werden oder gleich von Lobbyisten wunderhübsch aufbereitet werden, das ist mir ein Rätsel. Wenn ich mir übrigens anschaue, dass die Sozialisten- und Rabaukenhochburg Saarland in Deutschland in der Internetnutzung ganz hinten liegt (51%), dann neige ich fast schon dazu, die Netzkompetenz stärker zu fördern.


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Die Antwort der Bundesjustizministerin Frau Bigritte Zypries ist auch spannend. Sie fragt die Kinder:

“Browser, was sind denn jetzt nochmal Browser?”

Da wundert es einen dann auch nicht mehr, zu welchem verrückten und für fortschrittliche Industrienationen blamablen Abwahnmahn die geltende Gesetzeslage führt, sobald das Standardkommunikationsmittel des 21. Jahrhunderts ins Spiel kommt. Kein Wunder, wenn die Verantwortlichen Gesetzesschuster nicht einmal die Begriffe kennen, in die sie sich zumindest einmal im Rahmen ihres Jobs einlesen sollten, wenn so etwas auf der Tagesordnung steht. Kein Wunder ist dann auch, dass fast niemand Einspruch gegen den Sicherheitsutopisten und Überwachungsfanatiker Wolfang Schäuble erhebt, wenn der über Datenvorhalteeinrichtungen und den Bundestrojaner schwadroniert. Die verantwortlichen Minister haben ja offensichtlich keine Ahnung, worum es überhaupt geht.

Und Michael Glos, immerhin Bundesminister für Wirtschaft und Forschung, der sollte doch mindestens wissen, was seit 10-20 Jahren aktuell ist. Nach seiner bekannten Blamage auf der CeBit gibt er sich nun ein bisschen weltmännischer, er sucht jetzt ab und zu mal “nach älteren Artikeln”.

Irgendwie erinnert mich das ganze, muss ich zu meinem Bedauern gestehen, ein bisschen an den Bundesparteitag der FDP. Dort wurde ein Kulturantrag beschlossen der einen Abschnitt Urheberrecht enthielt. Mein Vorschlag, den ich gegenüber ein paar einflussreichen FDP-Bundespolitikern, die ich hier nicht namentlich nennen möchte, machte, doch wenn man schon darüber redet, zumindest mal in den Raum zu stellen, dass es mit den bisherigen Urheberrechtsdefinitionen erhebliche Probleme bei Nutzung der modernen Medien gäbe, stieß auf völliges Unverständnis und es wurde ein Wortlaut beschlossen la “was wir haben ist gut und deshalb bleibt es auch so”.

Abgesehen davon, dass die wichtigen Bundespolitiker darüber diskutierten, wie wichtig eine Ausweitung des Kulturbegriffes sei, das wären nicht mehr nur Bücher, Theater und Oper, auch Kino oder Film würden dazu gehören, vielleicht sogar noch neueres und auch hier viel das Web mal wieder unter den Tisch.

Ich füge zur Ehrenrettung des Bundestages noch hinzu, dass ich eine ganze Reihe engagierter und kompetenter Bundestagsabgeordneten kenne, deren Horizont über den des eigenen Fachbereichs hinausreicht und dass natürlich beispielsweise das übliche Kommunikationsmedium mittlerweile überall E-Mail, SMS etc. sind. Trotzdem schockieren diese Beispiele und machen nachdenklich, wie fachkundig die Entscheidungen unserer Legislative “demokratisch” getroffen werden.