„Wo steckt Heinrich Böll?“

Heinrich Böll - Büste in Berlin - Foto unter Public Domain von http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Heinrich_boell.jpgMeine naheliegendste Antwort ist ganz einfach: In meinem Bücherregal, ganz links, zwischen Bachmann und Büchner und ich lese die Bücher des passionierten Kölners, Polemikers und Literaturnobelpreisträgers (1972) gerne. „Wo ist Böll?“ So fragt die Zeit in ihrem aktuellen Magazin Zeit Leben und spitzt das Ganze ein bisschen sehr zu, wie ich finde. Ich habe nicht den Eindruck, Heinrich Böll (1917-1985) wäre aus dem literarischen Kanon verschwunden.

Mag sein, dass seine Höchstzeit mit ständiger Fernsehpräsenz vorüber ist, mag sein, dass es keinen aktuellen Hype um ihn gibt, aber da ich von Hypes eh nicht besonders viel halte, stört mich das nicht weiter. Ich denke, dass der profilierte Literat mit seiner eigenen, der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, sogar ganz gute Karten hat, dass sein Andenken in angemessener Regelmäßigkeit auch weiterhin in Erinnerung bleibt. Sogar recht passend und zielsicher mit besonderem Engagement für Journalisten aus aller Welt, immerhin war Heinrich Böll ja PEN-Präsident. Immer noch Zeit gemäß, solches Eintreten. Und ich kann nur aus meiner Schulzeit sagen, dass ein Autor, der einen guten Leumund unter Lehrern hat, auch nicht zu fürchten braucht, dass seine Bücher nicht mehr gelesen würden. Bei mir fing das in der Schule, wie wahrscheinlich bei vielen anderen, mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ an.

Trotzdem schreibe ich gerne einen kleinen Artikel, in dem ich meinen Lesern Böll-Bücher empfehle, in dem ich von mir gebe, dass ich es ganz und gar für nicht verwerflich halte, wenn auch Autoren eine politische Meinung haben und sich für ihre Ziele einsetzen. Genauso, wie ich es für verantwortlich halte, dass Pophelden eine politische Meinung haben, hierbei erschreckt mich nur manchmal noch sehr viel mehr, auf welcher blamablen Basis diese Meinungen oft genug gebaut zu sein scheinen, wie sich spätestens beim Microsoft-Al Gore-Großevent Live-Earth „für eine grünere Erde“ und bei den andauernden Weltverbesserer- oder auch nur Imagegeilheitsäußerungen von populären Musikern wie Bono gezeigt hat.

Zwei Passagen im Zeit-Artikel haben es mir besonders angetan:

Man hat Böll wie weichgezeichnet in Erinnerung, man vergaß den Polemiker, den Zuspitzer, der sich nicht nur gezielt der Medien bediente, sondern dem auch bewusst war, dass jeder Protest ein Gesicht braucht, was heutigen Organisationen wie Attac fehlt.

Nicht, dass ich den Forderungen einer Zukunftsangstorganisation wie Attac viel abgewinnen könnte, aber diese Analyse ist treffend. Die beiden Autoren, Christiane Grefe und Adam Soboczynski enden versönlich:

Wo wäre Böll? Er würde, in Moscheen sitzend, über Religion und Toleranz diskutieren. Sehr wahrscheinlich hätte er einen Blog, einen Böll-Blog, den er abendlich mit Polemiken vollschriebe. Niemand würde ihn heute verdammen, niemand ihn heilig sprechen. Böll würde in seinem Urteil manchmal danebenliegen. Und nerven. Besonders dann, wenn er recht hätte.

Wäre das nicht toll und würde der manchmal doch sehr mit sich selbst beschäftigten Bloggosphäre einen interessanten Impuls geben? Böllblog.de oder so ähnlich?

Meine Empfehlungen für ruhige Stunden, Reihenfolge nach persönlichem Geschmack aber ohne viel Kommentare:
Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Ansichten eines Clowns, Kreuz ohne Liebe, Irisches Tagebuch, Wanderer kommst du nach Spa…, Der Engel schwieg, Wo warst du Adam?, Der Zug war pünktlich.