Sprachniveau der Politik

Jens Jessen zieht in einer Randnotiz im aktuellen Zeit-Feuilleton über stilistische Grobschlächtigkeiten her, was mir sehr viel Spaß zu lesen bereitet hat. Auch mir als Naturwissenschaftler und damit Sprachlaien. Dabei bezieht er sich auf das gute alte „F.D.P.“, genauer gesagt auf die elenden Stopppunkte darin und regt sich über den ach so sehr geliebten „Reportagestil“ auf, der ebenso aussieht, nur gar nicht nur mit Abkürzungen, sondern mit ganzen Sätzen:

Die gröbsten stilistischen Albernheiten entstehen nicht aus Schlamperei, sondern aus Ehrgeiz. Ein Beispiel ist der Reportagestil, den wir wegen seiner Liebe zum inflationären Einsatz von Punkten den F.D.P.-Stil nennen wollen.

»Horst ging nach Hause und trank ein Bier aus dem Kühlschrank.«
Das ist ein ordentlicher deutscher Satz, aber für den Geschmack der F.D.P.-Stilisten entschieden nicht knackig genug. Die Punkte fehlen, die jedem Satzteil seine eigene Dramatik verliehen. Also muss es heißen: »Horst ging. Nach Hause. Und trank. Ein Bier. Aus dem Kühlschrank.« So erzeugt man Pointen!
Aus einem Satz mach fünf, und der alltäglichste
Vorgang erweist sich als Drama
existenzieller Verlorenheit. […]

Diese Pointenmacherei. Aus dem Setzkasten. Nervt. Tierisch. (leider nicht online gefunden)

Vielen Dank Herr Jessen!

Besonders in der politischen Programmatik. Nervt dieser Stil. Auf dem letzten FDP-Landesparteitag. Durfte ich mir doch tatsächlich von einem Bundestagsabgeordneten ein nettes Lob für einen Änderungsantrag anhören. Das freut. Aber gleich danach die Bemerkung: „Partizipation“ würde ich lieber durch „Beteiligung“ ersetzen. Das verstünde sonst keiner. Und der Satz sei auch noch zu lang. Wo, wenn nicht in der „kasuistischen Deliberation“ und der Debatte auf Parteitagen darf man sich denn noch in angemessenem Deutsch verständigen und ausdrücken? Richtig. In komplizierten Sätzen und verschwurbeltem Vokabeln verklausulierte Sachverhalte sind ebensowenig sachdienlich. Aber sollte man bzw. kann man denn alles immer auf das Sprachniveau von RTL drücken? Durch unsachgemäße Verkürzungen? Ganz ehrlich: Die Rede von Kurt Beck auf dem SPD-Parteitag hat mich nicht nur inhaltlich geschockt. Auch stilistisch.

Ist diese Einstellung nun tatsächlich FDP-spezifisch? Sollte ich mir da sorgen machen? Diese Inzidenz. Ein Zufall?