Informationsmainstream und Medienmode

Wer ein Weblog betreibt, merkt sehr schnell, warum die altehrwürdigen, „klassischen Medien“, Zeitungen, Tagesschau, Zeitschriften, kopflos jeder Medienmode hinterher rennen. Die Statistiken sprechen eine klare Sprache. Menschen wollen sich offensichtlich kurzfristig aufregen, stumpfen ab und brauchen neue Reizwörter. Die Konsumenten sind so scheinheilig. Sogar noch scheinheiliger, leugnen sie dieses Verhalten doch, indem sie es den Medienanbietern vorwerfen. Oder ist das ein Fehlschluss? Wie herum der Kausalzusammenhang tatsächlich ist zwischen Rezipienten, die sich nicht lange mit einem Thema abgeben wollen und Massenmedien, die diese Gier nach je nach Sichtweise „ursächlich schüren“ oder „ergeben bedienen“, lässt sich aus diesen Daten natürlich nicht mehr extrahieren.

Myanmar ist out. (Graphik bei Google Trends) Auch in meinen Suchwortstatistiken auf Freiheitsfreund. Die nächste Sau, die in dieser Größenordnung durchs Dorf getrieben wird scheint noch nicht festzustehen. Der Bahnstreik ist langsam auch ein bisschen langweilig (auch bei Google Trends). Man informiert sich über die Umtriebe der GdL wie man sich über das Wetter informiert: Komme ich morgen auch so pünktlich oder muss ich das Auto nehmen? Wetter wie Bahnstreik – unausweichliche Randbedingungen des eigenen Tagesablaufs.

Ein „Metamedium“, dass diese Medienmoden trackt, analysiert, vielleicht in Form eines Weblogs, wäre vielleicht mal keine schlechte Idee. Für die Konsumenten, die sich nicht dem Medienmainstream unterordnen wollen genauso wie für die Journalisten, die ihren Mainstreamkonformismus und damit den daran gekoppelten Gewinn maximieren wollen. Es müsste selbstverständlich über pedantisch detailversessene, wenn auch amüsante und beliebte Projekte wie das Bildblog hinausreichen. Oder gibt es so etwas vielleicht schon, ich kenne es nur nicht?

Ich denke gerade auch ein von einigen Bloggern beklagtes nachlassendes Interesse oder nicht lange genug anhaltendes Interesse der Konsumenten an neuen Medienformen wie den Weblogs lässt sich insbesondere auf dieses Prinzip zurückführen. Ob in Form des Blogs, das seinen prinzipien treu bleibt und sich nicht nach den Kunden richtet, oder in Form des Blogs, dass jeder Mode hinterherrennt, nichts auf Qualitätssicherung, roten Faden oder Prinzipien hält, oder diese schon entsprechend ausrichtet und dadurch dann wiederum irgendwann keinen Unterschied mehr zu den klassischen Medien zeigt.

Als Liberaler, das merkt man immer wieder, ist ein grundsätzliches Vertrauen in die Klugheit (phronesis) (nicht Notwendigerweise die Vernunft (nous) ) des Menschen notwendig, um die weitgehende Forderung nach individueller Freiheit mitsamt der dazugehörigen Verantwortung für eigenes Handeln vor dem eigenen Gewissen konsistent rechtfertigen zu können. Ist der Mensch nach Beobachtung des Marktes ganz einfach nicht in der Lage, die Medien via Marktmechanismen so zu steuern, dass diese eine im aufgeklärt wissenschaftlichen Sinne gute, ausgewogene, tatsachenkorrekte, gerechte und ehrliche Arbeit leisten können?

Das stelle ich einfach mal so in den Raum. Vielleicht muss das auch jeder selbst für sich beantworten. Die realpolitischen Implikationen sind weitreichend und gehen bis zur Rechtfertigung des staatlichen Informationsauftrages und GEZ, ARD etc. Selbstverständlich hat eine solche Überlegung auch eine Auswirkung auf die Bewertung von Folksonomy-Systemen. Ist die Masse klug genug (Kollektive Intelligenz?), die richtigen Entscheidungen im Sinne der Allgemeinheit bzw. des Individuums zu treffen?

Schluss für heute.