Tatort-Demonstrationen

Der TatortWem Ehre gebührt“ handelt von einem Mörder, der Alevit ist. Während ich ihn mir angeschaut habe, hätte ich mir die Reaktionen kaum vorstellen können, die wir jetzt in den Nachrichten beobachten dürfen. Die Folge ist nun nämlich: 20.000 Aleviten demonstrieren alleine in Köln. Eine Neuauflage der Debatte um die Medienfreiheit? Vielleicht ist es hypersensibel, sich an die Demonstrationen und Randale in fundamentalistisch islamischen Ländern zu erinnern, als eine unbedeutende niederländische Zeitung ein paar populistische Mohammed-Karikaturen veröffentlichte?

Es ist andererseits tatsächlich ein merkwürdiger Zufall, dass gerade die vor langer Zeit von den großen Konkurrenten der Aleviten in der Türkei, den Sunniten, vorgetragene infame Schmähung der Aleviten als inzestuös, in diesem Tatort aufgegriffen wurde und ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass so etwas wirklich zufällig passiert. Diesem Kuriosum muss intern auf jeden Fall nachgegangen werden. Aber rechtfertigt das Demonstrationen in diesem Umfang?

Der Generalsekretär der alevitischen Gemeinde Deutschlands pumpt die Problematik ganz groß auf. In einem Brief an Wolfgang Schäuble schreibt er:

„Es kann der Integrationspolitik der Bundesregierung nicht dienlich sein, wenn die ARD den Zuschauern suggeriert: Flüchtet in den orthodoxen Islam, verschleiert euch und betet täglich und ihr seid vor sexuellen Übergriffen geschützt“, heißt es wörtlich in dem Brief von Ali Ertan Toprak, der WELT ONLINE vorliegt. „Eine Schleichwerbung für den Islam im Sinne der orthodoxen Muslime auf Kosten der säkularen Aleviten durch einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender können wir als Aleviten und Bundesbürger nicht hinnehmen.“ (via)

Ins Reine gesprochen: Die Aleviten sehen sich als die liberaleren Muslime, was irgendwo beispielsweise hinsichtlich der Gleichberechtigung der Frau, gar nicht so daneben ist. Darauf basierend finden sie, dass der Tatort ihre Religion nicht angemessen dargestellt habe. Und ein türkeiinterner schwelender Konflikt kommt auch noch hoch. So schreibt die Welt zumindest:

Er [Ali Ertan Toprak] nennt sogar die Forderung der türkischen Religionsbehörde Diyanet, in der die ARD aufgefordert wird, sich bei allen Muslimen zu entschuldigen „heuchlerisch“. Schließlich würde die Diyanet sich bis heute weigern, Aleviten und Christen in der Türkei als rechtsfähige Religionsgemeinschften anzuerkennen.

Ich habe mich schon sehr geschämt, als unser fränkisches schwarzes Schaaf, der CSU-Haudrauf Markus Söder im Nachklang eines Tatorts, in dem grundsätzlich die Franken als „Trottel“ dargestellt wurden, auf Entschuldigung und Wiedergutmachung drängte. Nicht, weil es mir egal wäre, wie Franken in irgendwelchen Medien wirkten – dann hätte ich mich zuallererst dafür eingesetzt, dass ein Söder nicht mehr bei, damals noch, Christiansen auftreten hätte dürfen – sondern weil ich der Ansicht bin, derartige Quoten sowie eine überzogene Form der Political Correctness haben nichts in den Öffentlich Rechtlichen zu suchen.

Man mag ja behaupten, die Franken wären nie in ihrer Geschichte ob eines unterstellten Charakterzuges der „Trotteligkeit“ verfolgt und geächtet worden, was nett wäre, nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber uns etwas vom eigentlichen Thema wegführt.

Wollen wir wirklich alle letztübriggebliebene Garstigkeit aus unserem erfolgreichsten öffentlichrechtlichen fundamentalföderalen Bundesmedienprodukt „Tatort“ herauskehren, es dem modischen Reglementierungswahn recht machen und etwa gar eine Vorzensur mit Proporzzählbeamten in jede Folge einbauen?