Elitewikipedianer: Sichter gegen Vandalen?

Seit 6. Mai nun hat die deutschsprachige (und damit weltweit zweitgrößte) Wikipedia die „geprüften“ und die „gesichteten Versionen“ eingeführt, es wird auch von „stabilen Versionen“ gesprochen. Ich bin mir immer noch unschlüssig, ob das eine gute Idee ist oder nicht. Und dabei habe ich fast von Anfang an schon den „Sichter“-Status bekommen, gehöre also zu denjenigen, die schon genug auf der Wikipedia herumgeschrieben und ausreichend wenig Unsinn dort angestellt haben, dass ihnen irgend ein Administrator dieses hehre Recht verlieh.

Das bedeutet für mich, ich werde als Wikipedianutzer nicht diskriminiert und dazu degradiert, an der Wikipedia vielleicht schreiben zu dürfen, damit aber leben zu müssen, dass meine Änderungen in einer Art Sandbox landen, die niemand sieht, bis eben ein „Sichter“ vorbeikommt und sein OK klickt. Ein Prinzip, an dem durchaus Kritik geübt wird.

Es ist andererseits notwendig, ein gewisses Maß an Qualitätssicherung auf der Wikipedia einzuführen. Verlässlichkeit auf für Nutzer, die keine Ahnung haben, wie die Wikipedia funktioniert. Zumindest dann, wenn man dasselbe Publikum erreichen will wie die große Masse der früheren Brockhaus et cetera Nutzer. Nur: Suggeriert man mit diesem „Label“ „gesichtet“ nicht etwas, was eigentlich gar nichts aussagt? Kommt rüber, dass das Label ein reiner Vandalismusschutz ist und überhaupt nichts über die fachliche Korrektheit der Artikel aussagt? Dazu wird dann irgendwann einmal „geprüft“ verwendbar sein…

Ich bezweifle den Nutzen im Namen des genannten Ziels. Vielmehr deutet das Anstreben „stabiler Verionen“ doch viel eher darauf hin, dass es möglich werden soll, umfassende Snapshots der Wikipedia zu erstellen, die im Idealfrei komplett vandalismusfrei sind, dafür vielleicht im einen oder anderen Themenbereich nicht so aktuell wie sie sein könnten. Wer das im Moment haben möchte, muss den Job, den jetzt „Sichter“ nebenbei erledigen schließlich durch eine Redaktion erledigen lassen. Beispielsweise, wenn man die Wikipedia drucken will. Möglicherweise durchaus ein rentables Geschäft.

Mal sehen, wie es auf Dauer ankommt und ob die Wikipedia wirklich ihre Stärken weiterhin ausspielen kann, dass eben gerade jeder, der vorbeikommt und Fehler entdeckt oder neue Infos hat, mitschreiben kann. Schließlich gibt es sicher Zusammenhänge zwischen Interessensgebieten und damit auch enzyklopädischen Fachgebieten und dem Interesse an der Mitarbeit an diesem bisher ganz gelungenen Möchtegernlexikon.

Wenn die Wikipedia durch die Abschreckung von „Normalmenschen“, die keine Lust haben, die Wikipedia zu ihrem Hobby zu machen, noch stärker als bisher zu einem Nerdikon statt einem Lexikon zu werden, dann wäre das wirklich sehr schade um das Projekt.

À propos: „Gesichtet“, was ist das eigentlich für eine scheußliche Vokabel? Das klingt ja schlimmer als irgendwelche Berichte in den Heften der Stiftung Wahrentest.