Nicht ganz freiwillige Teilhabe an einer politischen Diskussion – in den USA

Nach einem Laborsamstag in einem amerikanischen Starbugs sitzend stelle ich fest, dass ich meine gesamte Kreativität in die Physik gesteckt habe und keinen geraden Satz mehr zustande bringe, was ich mir allerdings eigentlich für heute vorgenommen hatte.
Stattdessen lasse ich mich unvernünftigerweise ablenken. Am Nebentisch treffen sich gerade ein paar Studenten und diskutieren über Politik, was rund ums Caltech, Gerüchten zufolge eigentlich eher selten vorkommt; war der Anlass zur einzigen politischen Demonstration an dieser Uni, ebenfalls Gerüchten zufolge, vor einigen Jahren die geplante Absetzung des Startrek-Universums.
Es geht um die in der ganzen Welt kaum zu überhörende Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern, wieviel Neuverschuldung das Land wohl vertragen mag. Damit wäre ich übrigens eigentlich bei einer der mannigfaltigen Dimensionen des Themas Nachhaltigkeit, zu dem mir gerade interessante Sätze einfallen sollten. Stattdessen lasse ich mich schon wieder ablenken. Die in den Raum geworfenen Zahlen, Billionensummen, kann ich einfach nicht ausblenden. Solche Größenordnungen bin ich aus dem Labor gewohnt, allerdings selbst dort nicht mit Währungszeichen versehen und damit der unangenehm kühlschaurigen Aura des Geldes angenehm entwunden. Abstrakt lässt sich über so etwas leichter theoretisieren als mit der Schuldenlast zukünftiger Generationen vor Augen.
Sie sprechen über Keynes, die beiden Studenten und die Werkstätige, soviel habe ich mittlerweile aus den Wortbeiträgen der drei am Nebentisch erschlossen. Ich denke mir, immerhin eine von den Dreien finanziert diesen Staat mit ihren Steuern, auch wenn diese viel geringer sind als in Deutschland, worüber sich wohl aktuell überall ein paar Aushängereiche wie Warren Buffett oder Hans Olaf Henkel trendbewusst auslassen. Da kommt mir in den Sinn, habe ich schonmal Mitmenschen in einem Cafe über John Maynard Keynes sprechen hören? Oder ist der Kondensationskeim der Unterhaltung einfach nur der Leitartikel in der New York Times, den ich an irgendeinem der letzten Tage ebenfalls gelesen habe?
Die Unterhaltung dauert immer noch an. Und ich überlege, was der grundlegendste Unterschied zwischen amerikanischer und europäischer Politik ist. Irgendwie bin ich in diesem Moment ganz froh, Europäer zu sein. Bei uns geht es noch um Milliarden, noch nicht um Billionen. War das jetzt angesichts der Rolle Deutschlands in der Diskussion um den ESM Sarkasmus oder Ernst? Außerdem habe ich manchmal dann doch den Eindruck, mehr als zwei Parteien zu haben, schadet dem politischen Diskurs in einer Demokratie nicht. 
Ich glaube, das mit einem roten Faden kann ich für heute vergessen. Keine Ahnung, ob ich auf Publish oder doch lieber mal wieder auf Delete tippen soll. 
Die Drei stehen auf. Ich sage ja, nur zwei Positionen gegeneinander spielen zu lassen mag zwar in der feineren Literatur, in der Dialektik der alten Griechen oder in der talmudischen Tradition eine interessante Diskussion abgeben, aber nur a posteriori, aus sicht eine allwissenden Autors vielleicht; in der Realpolitik ist so etwas ermüdend bis langweilig und im schlimmsten Fall führen zwei Meinungen zur Blockade, wie derzeit in den USA zu besichtigen ist.
Die Drei sind weg. Ich glaube, ich gehe auch nach Hause. Draußen ist es schon dunkel und ich wollte mir noch ein Abendessen kochen.