Die chinesische Perspektive auf die Euro-Krise

JuLi-Delegation in Beijing. Tian\'an men PlatzHeute hatten wir unsere erste Session mit Studenten der PKU School of Government. Auf den ersten Blick ist das Institut die berühmteste Ausbildungsstätte für angehende „Politikwissenschaftler“, konkret, Absolventen in International Relations, Public Policy und ähnlichen Fächern. Intelligente Studenten. Später werden einige davon mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit Funktionen in China einnehmen, in denen sie mit gestalten können, wie sich die Politik in diesem Land verändert.
Auf den zweiten Blick haben wir junge Leute getroffen, die offen auf uns zu gegangen sind und für den im chinesischen Kulturraum im Akademischen üblichen Stil sehr aktiv selbst an uns Fragen zu unseren Positionen und Meinungen gestellt und ihre Meinung dargestellt haben. Es sind, wie sich hier herausgestellt hat, nicht sehr viele Studenten, aber diejenigen, die zu unserem Seminar kommen, interessieren sich wirklich dafür.
Heute ging es zunächst einmal darum, dass unsere kleine JuLi-Delegation vorgestellt hat, wer die „Liberal Youth of the German Free Democratic Party“ eigentlich sind, wie wir uns programmatisch definieren und in welchem Unabhängigkeitsverhältnis wir zur FDP stehen, natürlich auch, welche Einflussmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten die FDP derzeit in Deutschland hat und wie sie, offen und ehrlich, in den derzeitigen Umfragen und im politischen Diskurs steht.
Dann ging es in einem Impulsreferat unserer Delegation um die Euro-Krise. Es ist interessant, die Outside-Perspective der Chinesen wahrzunehmen. Fragen machten recht deutlich, die unsere Studenten wissenschaftlich interessiert verfolgen, was in Europa gerade abläuft. Wie dabei die Zusammenhänge und die extrem komplexen Entscheidungsabläufe in der EU strukturiert sind kommt dabei hier natürlich nicht immer so deutlich an, allerdings, wie viele Bürger wissen darüber in Deutschland Bescheid? Strukturen und Ursachen für die Krise, die Vision hinter der EU und die wahren Beweggründe, weshalb so unterschiedliche Länder wie Deutschland, Frankreich auf der einen Seite und Portugal, Irland, Griechenland, Spanien und Italien auf der anderen Seite, tatsächlich trotz ihrer extrem unterschiedlichen Fiskaltraditionen und wirtschaftlichen Geschwindigkeiten eine gemeinsame Währung eingeführt haben wurden diskutiert. Ich bin mir nicht sicher, ob diese fachpolitische Unvernunft, getragen von größerem europäischem Pathos und vielleicht weniger von dem von den Chinesen hineininterpretierten strategisch-machtpoliischen Anspruch, wirklich ankam.
Bei ein paar originären JuLi-Forderungen, wie der im Zuge der Eurodebatte in Deutschland allgemein angenommenen Forderung nach Verschuldungsverboten in der Verfassung, hätte ich ehrlich gesagt mehr Widerspruch erwartet, von Studenten, die in einer zentralistisch gelenkten maskierten Staatswirtschaft aufgewachsen sind und studieren. Ich habe durchaus die Hoffnung, auf ihrer nicht unfundierten philosophischen Grundlage werden diese Studenten in den nächsten Jahrzehnten vielleicht eine politische Linie prägen, die sich signifikant von der aktuellen in China unterscheidet.
Dass ich diesen kleinen Bericht jetzt erst schreiben kann, liegt übrigen auch mal wieder an der Divergenz der politischen, staatsdirigistischen Ziele mit Zensur und Kontrolle und dem praktischen, technischen Anspruch und der Entwicklungsgeschwindigkeit. Manchmal funktioniert es, das Internet, manchmal nicht. Und da offiziell ohnehin Facebook, Twitter, Flickr gesperrt sind, muss dann auch noch das VPN laufen. Mir kommt das Internet hier ja eher wie ein großer Zufallsgenerator vor als wie eine angezapfte, gefilterte Leitung.

 

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