“Social Freezing” – die perverse Vergesellschaftlichung des Privaten

Foto Frozen Time von Mikael Tigerström, CC BY 2.0
Foto „Frozen Time“ Mikael Tigerström. CC-By-2.0

“Social Freezing” – schon der Begriff zeigt, worum es eigentlich geht: Das Kollektiv, die Gesellschaft, die Firma steht über dem Individuum? Ein hipper Markenname für „wohlmeinende“ Arbeitgeber, für Sozialingenieure, Gesellschaftsarchitekten und Politiker mit Regulierungshybris.

Eine Entscheidung aus dem höchstprivaten Bereich wird gerade moralbeladen und besserwisserisch in der Öffentlichkeit diskutiert. Wie konservative Sittenwächter mit der Erfindung der Pille innere Schweiß- und äußere Wutausbrüche bekamen, wenn sie sich die mögliche Emanzipation der Frau vorstellten, geht nun das Abendland wegen einer angeblich allgegenwärtigen „Ökonomisierung“ unseres Lebens unter?

Wie wir individuell unser Leben gestalten, geht den Staat, den Arbeitgeber und die Feuilletons gleichermaßen nichts an.

Dass Google, Facebook und Apple, Firmen, die für sich in Anspruch nehmen, die Gesellschaft voranzubringen, nun ihren Mitarbeiterinnen „Social Freezing“ finanzieren wollen, macht ganz besonders auf einen Missstand des US-Systems der Krankenversicherung und Benefits aufmerksam, bei dem sich auf der einen Seite Silicon-Valley-Firmen, auf der anderen Seite Bible-Belt-Arbeitgeber in das private Leben ihrer Mitarbeiter einmischen, wie es bei uns nur noch als Anachronismus kirchlichen Arbeitgebern als Ausnahme erlaubt ist. Gespannt bin ich, wie Yahoo antwortet, mal zur Abwechslung eine Silicon-Valley-Firma, die mit Marissa Mayer eine Frau an der Spitze hat und kürzlich für Aufmerksamkeit damit gesorgt hat, dass sie ihr positives Verhältnis zum Home-Working überdacht hat.

In Deutschland pfuscht uns durch eine klare Trennung weder in der gesetzlichen, noch in der privaten Krankenversicherung der Arbeitgeber dermaßen in unsere gesundheitliche Selbstbestimmung und unsere Lebensplanung hinein. Bei uns dürfte dagegen, wie bei der eigentlich überfälligen Regelung zur künstlichen Befruchtung, die Diskussion eher um die Kostenübernahme im Katalog der Krankenversicherungen, eine gesunde Stufe abstrakter und allgemeiner, diskutiert werden.

Der wissenschaftliche Fortschritt hat unsere Gesellschaft in der Vergangenheit tiefgreifend evolutioniert. Wir leben heute in allen liberalen westlichen Demokratien in einer Gesellschaft, die uns individuell so viel Freiheit gibt, wie sie früher bestenfalls einer aristokratischen Elite zugänglich war. Dank unseres gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritts, hin zu einer offenen Gesellschaft, hätte sich wohl selbst eine Hochwohlgeborene vor wenigen Generationen nicht träumen lassen, ihr Leben so frei selbst zu bestimmen, wie es für unsere Generation glücklicherweise zur Gewohnheit geworden ist.

Natürlich ergeben sich aus unserer Arbeitswelt, aus der weiteren Entwicklung zu abstrakteren Jobs und längeren, anspruchsvollen Ausbildungen, auch neue Hürden, das Leben so zu leben, wie wir das wollen. Ganz besonders gilt das heute für die endlich, dank deren harter Arbeit, heute gleich gut ausgebildeten Frauen. Das zeigt aber nur eines: Gleichstellung erreicht man weder durch Warten, noch durch „Bio-Engineering“.

Stellt nun die neue Technik des „social Freezing“ eine Gefahr dar, weil ein Wettbewerb zu erwarten ist, dem sich keine Frau und kein Paar entziehen kann? Solange private Entscheidungen privat bleiben und die Firma wie der Staat sich nicht einmischen: Nein. Auch die neue Technik ist kein Wundermittel. Sie kann im Einzelfall ein Baustein für mehr Selbstbestimmung sein. Ein liberaler Staat schützt diese wichtige Selbstbestimmung und Privatsphäre, statt Menschen Werte vorzuschreiben.