Kritik an der Kritik an Lutz Zeilmanns „Kritik“ an der Wikipedia

Nochmal zu Lutz Heilman, dem inzwischen berühmt-berüchtigten Linkspartei-Hinterbänkler, der die Wikipedia abgeschaltet hatte (seitdem ist übrigens ein kurz sichtbarer Hinweis auf die nicht so einfach sperrbare Originaldomain de.wikipedia.org auf der deutschen Startseite www.wikipedia.de). Mittlerweile hat die halbe Bloggosphäre und die ganze liberale Bloggosphäre (dsid, dineniso, nochmal dsid, fifi), wie zu erwarten war, ihren Senf dazu gegeben und auch die klassischen Medien haben die Sache ausführlichst kommentiert. Aufgefallen ist mir die Kritik an der Kritik, die der nicht nur von mir als Medienkritiker durchaus geachtete Stefan Niggemeier heute vorbringt:

„Ich finde an der Debatte über Heilmanns Vorgehen gegen Wikipedia und die Häme, die fast reflexartig über ihn ausgeschüttet wird, einen anderen Aspekt interessant, den auch Christian Stöcker bei „Spiegel Online” anspricht: Welche Alternative hätte Heilmann gehabt, um gegen (angenommen) falsche Behauptungen über ihn vorzugehen? Die Standardantwort, dass bei der Wikipedia ja jeder selbst mitschreiben, redigieren und löschen kann, ist falsch. Schon der bloße Verdacht, dass der Betroffene selbst oder ein Mitarbeiter sich an seinem eigenen Eintrag zu schaffen gemacht hat, reicht, um empörte bis hysterische Reaktionen auszulösen.“

Ganz Unrecht hat Herr Niggemeier insbesondere mit seinem Hinweis nicht, dass es schwierig ist, gegen Falschbehauptungen auf Wikis und anderen Systemen, die von der Vielzahl ihrer Autoren leben. Ganz Recht hat er aber auch nicht mit seiner Kritik an der Kritik, denn

  1. Zielte ein Großteil der Kritik insbesondere deswegen gegen Lutz Heilmann und sein Verhalten, weil es ein Unding ist, als medienerprobter Parlamentarier trotz der besonderen Sorgfaltspflichten dieser Mandatsträger so unglaublich zu reagieren, was komplett in das Persönlichkeitsmuster zu passen scheint, soweit man das als Außenstehender überhaupt abschätzen kann. Und ja, gerade von einem Menschen mit so einer Vergangenheit und in dieser Partei, ist mehr Fingerspitzengefühl zu erwarten, ansonsten muss erlaubt sein, dass man seine Schlüsse über seine Einstellung zu Meinungsfreiheit und übrigens auch zu objektiver Berichterstattung zieht, wobei letzteres ja ein vielleicht nicht immer erreichtes, aber doch ein Ziel der Wikipedia ist.
  2. Sehrwohl andere, bedachtere Schritte möglich sind, wenn es denn zu Falschbehauptungen kommt. Diese Mittel, nämlich direkter Rechtsweg gegen einzelne Autoren geht nicht nur, sondern wird nun von Herrn Heilmann, nach allem, was man hört, auch beschritten. Das andere war offensichtlich lediglich ein Paukenschlag und solche Paukenschläge offenbaren doch öfter als man glauben mag wahre Gesinnungen
  3. Es ist in Deutschland meiner Ansicht nach ohnehin schon viel zu leicht, Menschen, selbst in der Masse, den Mund zu verbieten oder sie alleine schon mit Drohungen zum Schweigen zu bekommen, ob die Aussagen richtig oder falsch sind spielt dabei selten eine Rolle. Der Tatbestand Verleumdung oder Rufschädigung ist oft genug gar nicht erfüllt, bis die Meinungsäußernden kleinlaut kleinbei geben.

Darauf, dass im Internetrecht dringender Handlungsbedarf besteht, hatte ich ja ebenfalls bereits hingewiesen. Ãœbrigens auch aus eigener Erfahrung, wie leicht jemand in Deutschland zu unrecht abgemahnt, dann aber jahrelang in kostenträchtige Prozesse verstrickt werden kann. Der Präzedenzfall bestätigt das drängende Gesetzgebungsdefizit mehr. Darin, dass selbstverständlich selbst größere Verbrecher als dies Lutz Heilmann überhaupt jemand vorgeworfen hätte, in Deutschland glücklicherweise Gleichheit vor dem Recht beanspruchen können und das Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in allen modernen Rechtsstaaten der Vergangenheit angehört, ist andererseits (auch in meinem letzten Beitrag schon erwähnt) für jeden guten Demokraten und nicht nur für diese selbstverständlich.

Die von Stefan Niggemeier dahingehend zitierten Meinungen aus der Papierpresse, sind unter berücksichtigung der Auswahl der Blätter vielleicht nicht dermaßen erstaunlich, aber nur aufgrund kontinuierlicher Abstumpfung. Da hat er einfach Recht mit seinem Hinweis.

Und zuletzt bleibt mir noch die Hoffnung, es kommt nicht zur Drohung Herrn Heilmanns auf seiner Website:

„Gemeinsam mit Wikimedia e.V. werde ich nach anderen Wegen suchen, um den offenen und freien Charakter von Wikipedia so weiter auszugestalten, dass Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.“

7 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Kriesch,
    ich finde es ja durchaus richtig, dass Sie sich mit der Sperrung der wikipedia.de-Seite auseinander setzen. Allerdings verwundert mich dies jedoch auch insofern, da scheinbar auf Ihrer eigenen Diskussionseite http://www.julis-bayern.de/blog/ seit neuesten durch den erst gerade ins Amt gekommenen Oberzensor Siegle Beiträge, die nicht in sein Konzept passen, systematisch gelöscht werden.
    Ich frage mich, ob dies mit den Grundsätzen einer liberalen Organisation vereinbar ist. Bislang war da gerade der Zensor ausgeschlossen, der eher in diktatorischen Regimen vorkam.
    Sie sollten daher doch mal überlegen, ob Sie ein solches Vorgehen unterstützen, den zwischenzeitlich werden nicht nur Kommentare durch den Zensor gelöscht, sondern ganze Beiträge.

  2. Lieber Rene, sie haben Recht: Ich bin begeisterter Wikipedianer wie auch der Meinungsfreiheit. Gerade als solcher kenne ich aber sehrwohl auch die Schwächen von Systemen, die Meinungsfreiheit garantieren.
    Die JuLis Bayern sprechen mit einer Stimme und ich trage die Entscheidung sehrwohl auch mit, dass wir auf unserer Website, und dazu gehört unser Weblog, ein Mindestmaß fairer Moderation sicherstellen müssen. Das erwarten unsere Leser von uns und das ist im Übrigen auch notwendig, wenn wir mit den Ressourcen die wir als politische Jugendorganisation mit Gestaltungsanspruch haben unsere Aufgaben erfüllen wollen und müssen.
    Ich habe Ihre Beiträge dabei sehrwohl auch verfolgt. Vielleicht, ohne auf Details noch einmal in aller Länge einzugehen, muss man ja von Ihrer Seite auch nicht immer nur mit Menschen diskutieren, die offensichtlich in von Ihrer Seite zu vielen Fällen nicht Ihre Meinung teilen? Ich bitte Sie freundlich, diesen Ratschlag nicht offensiv zu sehen.
    Bei weiteren Fragen steht Ihnen sicher unser außerordentlich gewissenhaftes Landesvorstandsmitglied Stefan Siegle wie bisher konstruktiv zur Verfügung. Er hat dabei das vollste Vertrauen des Landesvorstands und, ich kann das persönlich sagen, auch von mir.

  3. Ich hab es schon geahnt, aber nun die Bestätigung: Liberalismus war einmal, Neo-Liberalismus geht eher in Richtung „Wer nicht für uns ist, dem gehört das Maul gestopft“ und dies erinnert an Kriegspräsident G.W. Bush: Wer nicht für uns ist, ist für den Terrorismus.

    Armes Land, mal sehen wann in der FDP der deutsche Haider auftauscht. Die Zeit scheint nicht mehr weit.

  4. Alle Monopole führen zur Diktatur. Auch Meinungsmonopole oder Wissensmonopole, wie wikip. eines ist sind davon nicht ausgeschlossen. Daher wird es Zeit für alternativen – google startet gerade, amazon setzt ebenfalls einen ballon und es gibt einige andere Projekte wie z.B.

  5. @Martin: Sorry, aber erst recht ohne jede inhaltliche Argumentation kann ich Dir da überhaupt nicht zustimmen. Dass Monopole schlecht sind ist klar. Aber warum sollte die Wikipedia eines sein? Dass Du gerade Google nennst ist schon sehr verwunderlich. Dass andere auf den Zug versuchen aufzuspringen ist wohl andererseits kaum verwunderlich. Diese Unternehmen wollen Gewinn erwirtschaften und scheinen zu glauben, das ginge mit einem solchen Projekt gut. Vielleicht haben Sie sogar Recht.

    Deinen etwas plumpen Werbelink (in eigener Sache? Es ist doch einer, oder nicht?) lasse ich mal stehen. Dem Pagerank wird er aufgrund meiner nofollow-Einstellungen nichts bringen. Meine Leser können sich schließlich selbst eine Meinung bilden :-).

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